[Auszug aus einem bisher noch namenlosen Buchskript]
Ohne ein gesundes Maß Selbsthaß kann der Mensch meines Erachtens nicht rechtens leben. Nicht so, wie er es sollte. Zumindest kam es mir bisher stets so vor, als gründe jede Rücksichtnahme, jede Höflichkeit, jede Aufmerksamkeit anderen gegenüber in eher wenig zuträglichen Wurzeln wie ein verkümmertes Selbstwertgefühl, wie Kleinmacherei des eigenen Seins, wie Aufopferung und Aufgabe des eigenen, des pseudofreien Willens. Zuneigung kann schlecht ein Grund gewesen sein, denn wie sollte ich eine mir fremde Person mögen können? Und während des Kennenlernens begann jedes Mal auf's Neue mein Dilemma. Zu Unschuldszeiten, Zeiten, in denen man die Welt noch so einfach gestrickt sieht, wie man es eben nur als Kind vermag, damals glaubte ich an das Gute im Menschen, glaubte, dass es richtig und gut sei, jedem den vollen Respekt zukommen zu lassen, solange, bis ein Punkt erreicht ist, an dem der Respekt verloren geht. Soweit so gut, aber alle verloren sie den ihnen zugestandenen Respekt. Es war immer nur eine Frage der Zeit. Irgendwann drehte ich die Komponenten im Rezept des Miteinanders herum, sie sollten sich erst beweisen, mir zeigen, dass sie den Respekt verdienten. Ich begann sie alle zu verabscheuen. Dann beobachtete ich sie eines Tages mit wachsendem Interesse, nicht dass ich Menschen dann doch so mochte, nein, vielmehr waren es die Hintergründe ihren Verhaltens, das mich neugierig machte. Ich wollte wissen, wie sie funktionieren, warum sie wie reagierten. Vielleicht um besser einschätzen zu können, wie ich selbst reagieren musste, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. Dummerweise erkannte ich mich in so vielen von ihnen wieder, dass sie mein Innerstes vergifteten und sie trugen nicht einmal Schuld daran. Was konnten sie auch dafür, dass ich mich ihnen ähnelte? Und nur weil ich mich ihnen so unliebsam glich, verstand ich, dass sie ebensolchen Respekt verdienten, wie ich selbst für mich verlangte oder es wenigstens erhoffte, und ich begann von nun an den Haß zu nähren, der sich gegen mich selbst richtete, wie er auch gegen sie ging, gleiche Medizin für alle. Ich war vielleicht in dem einen oder dem anderen Aspekt in bestimmter Weise besser als sie, aber sie glichen das mühelos aus, indem sie mir in einem anderen Bereich des Seins überlegen waren. Es frustrierte mich und das wiederum nährte den Selbsthaß. Ich war genauso ein Scheusal wie sie alle. Ob sie nun Schuld daran trugen, dass ich von Anfang an nie wirklich mit ihnen zurecht kam, oder ob ich schon so sozialverkümmert auf die Welt kam, ich wusste es nicht zu beantworten. Wäre letzteres der Fall, hätte ich die Schuld noch auf die Schultern meiner Eltern oder des Schicksals abwälzen können, aber machte das Sinn? Es spielte keine Rolle und früher oder später musste man schließlich seinen Mann stehen können um alle Sündenböcke abzuschaffen. Der Punkt war erreicht, an dem es keinen Sinn machte durchzuhalten. Aber Selbstmord erschien mir so rückgratlos wie kaum etwas anderes, so widerlich windend wie ein Regenwurm, der noch nicht bemerkt hat, dass ihm bereits ein Teil seines Leibes fehlt. Ich mochte tief gesunken sein im Angesicht des schlimmsten Kritikers, mir selbst, aber das letzte bißchen Stolz wollte ich mir doch noch bewahren. Vieles ließ ich mir nachsagen, aber Feigheit fühlte sich an, als besäße man ein dichtes Haarkleid aus Stahlwolle und jemand streichelte gegen den Strich. Korrekter beschrieben fühlte es sich an, als wuselten tausende Maden im Magen und fraßen sich den Weg nach außen. Oder einfach beides. Man muss stets weiter machen, denn Stillstand bedeutet Tod, doch Fortschritt ist nur eine Illusion, denn jede Lösung eines Problems ist der Urknall neuer Probleme. Ich denke der Sinn des Lebens verbirgt sich in Nichts anderem als der Umschichtung aller Tatsachen, in der Bewegung des Lebens, der aufgewühlten Existenz aller Dinge. Möglicherweise lebt die Zeit nur von der Bewegung und das Leben und die Existenz aller Dinge wiederum nur von der Zeit, wie auch der Raum von ihr abhängt, als vergessen alle Physiker, dass man nicht nur im selben Atemzug von Raum und Zeit sondern auch von Bewegung spricht, von Bewegung als Form oder als Synonym für Energie.... und irgendwo dazwischen findet man den Kern des Pudels, das was wir Seele nennen. Und die meinige ist schwarz und stinkt wie Pech und Schwefel.
Das Einzige, was Besserung schaffen konnte, war die Akzeptanz gegenüber dem Lauf der Dinge, der menschlichen Natur. Verstehen, wie die Welt sich dreht und damit klar kommen. Man muss eben mit solchen Widrichkeiten umgehen lernen. Ist eben so. Zu Anfangs glaubte ich noch an Ausnahmen, die die Regel bestätigten, aber dem war dann wohl doch nicht so. Nicht einmal das eigene Blut hält sich an deine Ideale. Selbst in den eigenen Reihen versteckt sich Verrat, Lug und Trug, als seien materielle Dinge von mehr Wert beseelt als die Familie. Vor allem, da von der Familie nicht sonderlich viel übrig blieb...
Das letzte Bißchen Vertrauen in die Menschen verlor sich in der Geilheit des Konsums, der materiellen Sicherheit und des Geltungsbedürfnisses, sich Fremden beweisen zu müssen, wen interessiert's? Am Ende jeder Geschichte drängt sich immer und immer wieder die Erkenntnis auf, dass man doch stets alleine auf der Welt ist. Man ist sich selbst der Nächste, das für eine lange Weile, am Ende gibt es niemanden, der einem im Geiste Gesellschaft leistet, wir sind Individuen, kein Kollektiv. Wir bilden es uns nur ein, wir seien nicht allein auf dieser Gott verdammten Erdkugel. In Wahrheit besitzt jeder seine eigene Wirklichkeit, die nichts gemein hat mit irgendeiner anderen der zig Milliarden anderen, auch wenn es auf eine seltsame Art und Weise zu funktionieren scheint miteinander aus zu kommen.
Das Urteil ist ein Hartes.
Mich interessierte die Ansichten und Meinungen der Anderen nicht mehr und dennoch glaubte ich, durchzuhalten zu müssen, kein rückgratloser Feigling sein zu dürfen, doch es gab eigentlich nur eine Person, gegenüber der ich mich rechtfertigen musste und die war ich selbst. Denn alles andere hätte bedeutet, dass ich doch in einer gewissen Weise Wert auf die Ansichten anderer gelegt hätte. War dem doch so? Ich bildete mir ein, dem wäre nicht so. Und immer und immer wieder erwischte ich mich dabei, wie ich mir den Kopf darüber zerbrach, wie ich auf andere wirkte, was andere wohl dachten und dergleichen. Man entkommt seiner Natur nicht, der Mensch ist gesellig, kein Einzelgänger, auch wenn letzteres das Ideal meiner Existenz war. Bei Tieren führt nicht artgerechte Haltung zwangsläufig zu Schäden, manchmal so arge, dass die Tiere dabei eingehen. Ich fragte mich, ob mir das selbe geschehen könnte, wenn ich das Leben eines Einzelgängers führe, statt meiner geselligen Natur zu frönen. Und ich fragte mich auch, ob der Wille nun wirklich so mächtig sei, Berge versetzen zu können, dass es ausreichen würde, um wider der Natur einsam durch die Weltgeschichte wandern zu könen. Sorgfältiges Abwiegen aller Fakten und möglicher Konsequenzen brachte nichts in einem so dynamischen System wie das Leben, also ließ ich es, horchte auf meine inneren Dämonen und blieb für mich, trotz der Gefahr, jämmerlich wie ein einsamer, geschlagener und geschundener Hund zugrunde zu gehen. Was sollte es auch? Ich musste nur für mich Verantwortung tragen, was die Sache um ein Vielfaches erleichterte. Ich musste keinerlei Strafe fürchten, niemand würde um mich weinen, also was sollte es? Es war einerlei. Ich konnte das, was ich am liebsten hatte, das was ich wollte tun und lassen. Das bereitete mir echte Zufriedenheit, Herr meiner selbst zu sein ohne Einschränkungen, gesetzlos, frei. Einsamkeit macht unabhängig, nur ich kann mich enttäuschen, nur ich bin es, der mich verletzen kann und ich weiß am besten, was Schmerzen bereitet, was unangenehm ist oder freut.
Ich musste eingestehen, dass es sich nicht ganz ohne Menschen leben ließ. Schließlich konnte ich nicht meinen eigenen Weizen anbauen und zeitgleich die Schafe hüten und den Strom, den ich brauchte, herstellen. Aber kannte man die Natur des Menschen, so konnte man sie benutzen wie Werkzeuge und zu meiner eigenen Überraschung stellte ich fest, dass ich es zuweilen sogar gut mit ihnen meinte. Sie bekamen das, was sie verdienten von mir, Belohnung oder Strafe, Sie durften Adam und Eva sein, oder erhielten die Rolle des Judas, nur ohne jede Vergebung. Vergebung ist ohnehin nur für Gläubige erschaffen worden und die erhalten diese auch erst im Jenseits. Und das Jenseits interessiert mich nicht, es gibt schließlich keine Garantie, dass diese auf mich wartet, gebe ich irgendwann den Löffel ab und auf Eventualitäten baue ich nicht.
Zeitverschwendung.

