Freitag, 3. Oktober 2008

Zorn

[Auszug aus einem noch namenlosen Buchskript]

Irgendetwas hat es geweckt, irgendetwas war fatal und hat dem Monster Leben eingehaucht, das nun den langen und erschwerlich Weg aus dem tiefsten Inneren des Bewusstsein mit Leichtigkeit hinter sich bringt. Und es scheint immer schneller zu werden, kaum zu bremsen, unaufhaltsam. Wenn es vorne ankommt, nimmt es jeden Zentimeter in Anspruch, verdrängt Vernunft und sogar auch die Warmherzigkeit, die sonst das Reich der Emotionen beherrscht, und zwingt jede Faser des Körpers in seine Gewalt. Es wendet jeden echten und unechten Bipol wider jedem physikalischen Gesetz mit der negativen Dolchspitze voran gen Haut, läßt sie warm werden, läßt sie heiß werden. Scharfer Husky, die Dosis Morphium im Lebenssaft Blut vermag nicht die Klarheit aus dem Kopf schießen, der Schmerz ist trotzdem zu spüren, läßt den Magen mehrmals um sich selbst drehen, erzeugt eine Übelkeit, die das Atmen zur Qual werden läßt und gleichzeitig auch eine unerschöpfliche Energie, die Tatendrang mit sich bringt. Die Fäuste lenken sich selbst und wollen handeln, können kaum still stehen und der Atem rennt mit dem Puls um die Wette, ein Rennen, bei dem man auf der Strecke bleibt und nichts mehr geht. Das leiseste, unscheinbarste Geräusch schwillt zur Unerträglichkeit an, das Universum arbeitet gegen deine Kontrolle, die Prüfung wird schwer, das Problem unlösbar. Jedes Denken wurde unterworfen, die Maus schafft die Katze, der gesamte Strom wird konzentriert auf einen Punkt, das Monster. Die Headline Spaltet sich, zweistimmig, die Gier nach Blut steigt, läßt die Eckzähne wachsen, die Pupillen weiten sich. Jeder wird zum Feind und alles zur Bedrohung, die Wahrheit zur Lüge und schwarz zu weiß, das Fraktal zum Chaos. Trotz vieler Menschen steht man einsam, alle haben dich im Stich gelassen, alles was bisher geschah verliert an Bedeutung, driftet in die Vergessenheit ab. Der Kiefer verkrampft sich und schickt einen Stich in die Schläfe, kurzes Blinzeln folgt als Reaktion, die Klarheit ist bereits schon lange weg, die gewünschte Erlösung kann nur von einem Opfer kommen, jemand, der noch nicht mal unmittelbar Auslöser war, der Grund ist nicht mehr eindeutig, soviel trägt zum selben Ergebnis bei. Nichts kann dich mehr hier halten, das Monster nimmt dich ein, es ist zu spät. Die gestaute Energie wird frei, das Schicksal nimmt seinen Lauf, das Gutes nimmt ein Ende und trifft den harten Asphalt des Bösen. Das dickflüssige, dunkle Rot fließt, wohin es nicht soll und seinen Zweck verliert, trocknet und vielleicht auch ins Erdreich sickert. Ein Blitz der sich entlud und und du findest dich im Auge des Orkans wieder, still ist es, so ungewohnt leise, nichts ist zu hören, doch nur der selbe Weg führt auch zurück.

Way of Life

Unklar wieviel Zeit verging ist der Weg schon so lang gewesen und noch immer kein Ende in Sicht. Der Sound aus den Boxen klingt genauso dreckig, wie die von Zigaretten und Alkohol zersetzte Stimme der einzigen Gesellschaf, die du hast. Du warst dir nie sicher, wie ihr zueinander standet, und doch war es eigentlich immer offensichtlich gewesen. Egal wie hart die Zeiten waren, egal wie tief die Wunden, die seine Worte hinterließen, er war stets der Einzige, der dir die Hand reichte, wenn du in einem Loch stecken geblieben warst. Die Sonne geht unter und taucht alles in einem warmen Orange. Die Stimmung ist so friedlich wie schwermütig, du bist zufrieden und dennoch fehlt dir alles. Du kannst keinen Ansatz finden, um dich zu erklären, um die Situation, deine Ängste, Hoffnungen und Aggressionen zu beschreiben, deren Hintergründe, Gründe, Definitionen. Und selbst wenn, hört man denn auch zu? Der Bass der Musik mischt sich mit den tiefen Brummen des Dieselmotors, das Knistern der schlechten Aufnahme mit dem Rascheln des Rollsplitts auf der Karosserie, dein Atem verliert sich im Nichts, obwohl er schwer ist. Und obwohl dir tausend Dinge eifallen, die du ändern möchtest, bist du zufrieden. Vielleicht sogar in einer seltsam melancholich-gedämpften Art glücklich. Das Panorama, das sich vor euch erstreckt, spiegelt passender Weise alles irgendwie wieder, vereinzelte Niederlassungen menschlicher Zivilisation, gezähmte Natur, schwindendes Ökosystem, du kennst es nicht anders, nur sagte vielleicht mal ein Lehrer, das du nie einen gesunden Wald zu Gesicht bekommen wirst. Du wünscht, du wärst in einer anderen Zeit auf die Welt gekommen, nur hätte es für sie nichts geändert. Du schaffst dein eigenes Leben nicht in Griff zu bekommen, wie dann die Welt? Manche wurden geboren, um alles zu verändern. Du nicht. Aber das macht nichts. Sollte es nicht. Redest du dir ein. Möglicherweise bist du für einen kleineren Zweck geschaffen worden. Du könntest das Leben eines anderen ein wenig verbessern. Dein Blick wandert kurz zur Seite zu der einzigen Gesellschaft, die du je hattest. Du siehst, wie sein Kiefer arbeitet, Streß, seine Hände verkrampfen sich, während er das Lenkrad umklammert, die Brauen eng gen einander geschoben, als verbessere es die Sicht auf die Straße. Das könnte es sein. Ohne dich wäre er nicht. Nicht mehr. Und da bist du zu recht sicher. Er sagte es einst selbst. Wenn er Worte in den Mund nahm, war er sich stets deren Bedeutung im Klaren, nie sagte er etwas anderes, als das was er meinte. Das lehrten dir die Erfahrungen, die du mit und durch ihm machen konntest. Er war nie ehrlich aus Treue zur Wahrheit gewesen, eher aus reinster Faulheit, den Kopf dazu zu benutzen, sich Lügen, Ausreden und Rechtfertigungen auszudenken. Reinste Energie- und Zeitverschwendung, meinte er. Problem war nur, dass die Menschheit nicht dazu augelegt ist, Kommunikation auf Basis realer Wahrheit zu führen. Kam er deswegen mit kaum jemanden aus? Rastete er deswegen so schnell aus? In irgendwelchen, mitlerweile nicht mehr existenten Unterlagen hattest du mal was lesen können... Daran erinnerst du dich nicht mehr. Das nächste Lied hat genau die Wellenlänge deiner Gehirnströme und den Rhythmus deines Herzens und entfacht eine unglaubliche Dynamik, mit einem Mal verspürst du die wertvolle schöpferische Energie der Kreativität, die jeden Augenblick auch schon wieder verpuffen kann. Immer geschiet sowas, wenn du keine Gelegenheit hast, dich ihr hinzugeben, ihr zu frönen, ihr gute Dienste zu Leisten, sie umzusetzen. Dann lehnst du dich weiter zurück in den Sitz, schließt die Augen, atmest tief durch und genießt die berauschende loslösende Wirkung, die sich entfaltet, genießt auch seine Anwesenheit, es tut gut wie es ist. Manchmal leidest du unter so schnellen Wechseln der Emotionen und doch ist es kein echter Wechsel, denn die neutrale Schwermut hockt noch immer in irgendeiner Ecke deines Bewußtseins, nein, eigentlich in deinem Herzen. Im Kopf haben Emotionen nichts zu suchen, dort haben sie keine Luft zum atmen, keinen Boden zum Wurzelschlagen, keinen Raum zur Entfaltung. Du packst ihm einen Kuß auf die Wange, während er seine Aufmerksamkeit so krampfhaft an den Asphalt kettet. Er spickt für einen Moment irritiert zu dir, zieht einen Mundwinkel leicht hoch und zeigt in einem entspannenden Lächeln Zähne, ehe er wieder den Blick auf die Straße richtet. Die Furche zwischen seinen Augenbrauen glättet sich, der Kiefer arbeitet nicht mehr, es geht ihm besser. Wohl hast du ihn aus unbequemen Gedanken gerissen. Auch dich erleichtert es. Du siehst selbst wieder nach vorne, siehst dem Horrizont entgegen und wenn du genau hinfühlst, spürst du, dass ihr gegen den Rest der Welt erfolgreich kämpft.

Feuerfänger

[Auszüge aus einem noch namenlosen Buchskript]



Langsam drehte und wendete er die Münze mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger beider Hände und betrachtete sie konzentriert, als hätte er etwas derartiges noch nie zuvor gesehen. Er erkundete jede Furche, die nicht zum Muster gehörte, jedes Zeichen der Zeit, das Objekte beim Altern erwarben und die stumm und unverständlich von Vergangenem erzählten. Als er sich hingesetzt hatte und die Münze von der Kette nahm, die er stets um seinen Hals trug, hatte er sie noch emotionslos und distanziert betrachtet, aber je mehr Momente vergingen, desto schwerer wurde das Herz, desto mehr Ereignisse grub das kleine runde Metall aus den tiefsten Winkeln seiner Erinnerung. Irgendwann schoben sich andere Bilder vor seinen Augen, nicht mehr die Münze war es, die er musterte, nicht mehr die Realität des Hier und Jetztes. Vielmehr waren es Bilder von zurückliegenden Ereignissen, schöne Bilder, glückliche Szenen liefen wie ein Stummfilm vor seinem inneren Auge ab, Geräusche kamen hinzu, Gelächter einer wundervollen, zarten und angenehmen Stimme, Farben, die nur dazu dienten, ihrer Schönheit gerecht zu werden, Gerüche, die ihn um den Verstand brachten, selbst die Erinnerung an die damals verspürten Emotionen keimten auf. Die Münze blieb abrupt stehen und forderte zusammen mit der Wirklichkeit die allumfassende Aufmerksamkeit zurück. Für einen guten Augenblick schien alles still zu stehen, dann musste er schwermütig seuftzen. Er konnte sich nicht der Vergangenheit widmen, aus der die Münze stammte, ohne gleichzeitig nicht auch daran denken zu müssen, wie die schöne Zeit ein jähes Ende fand. Und es schmerzte jedes Mal von neuem in derselben Intensität wie beim allerersten Male. Mit dem einzigen Unterschied, dass er gelernt hatte, damit umzugehen, was die Sache nicht unbedingt verbesserte. Er hatte sich geschworen, dass kein zweites Mal durchmachen zu müssen und vermied es seit dem, dass ihm noch jemals ein Mensch zu nahe kam. Emotional zu nahe.

Er ließ die Münze in seiner Hand verschwinden und ballte diese zur Faust, so fest, dass die Knöchel sich weiß hervorhoben. Dann hängte er sich die Münze wieder zurück an den Hals und ließ sie unter das Shirt verschwinden. Ein weiteres Mal musste er Seuftzen bevor er sich aufrappelte und das gelbe und schwache Licht der Schreibtischlampe löschte. Für kurze Zeit wurde es dunkel ehe ein fader Schein vom Flur zur offenen Zimmertüre herein sichtbar wurde.

Manchmal fragte er sich, wieso er sich mit der Zukunft herum schlug, warum er sich abstrampelte einen Weg zu finden, der am geschicktesten an den Menschen vorbei führte, oder sie so in sein Leben einband, dass sie nützlich aber entbehrlich blieben. Er musste nur acht geben, dass er sich nicht an sie gewöhnte, Gewohnheit brachte oft Zuneigung in den unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen mit sich. Und darin bestand ja wiederum die Gefahr. Einfacher wäre es doch einen Schlußstrich zu ziehen. Aber dazu fehlte ihn der Mut. Oder war es eher so, dass er Selbstmord als feige abtat? Tat er Selbstmord als feige ab, weil ihn der Mut zu einer konsequenten Handlung fehlte? Er wusste es selbst nicht und hatte es irgendwann aufgegeben, die Antwort herauszufinden.

Er trat in den Flur und ging nach rechts und betrat schließlich das Wohnzimmer, von dem aus das fahle Licht stammte. es wurde von milchigen Glassteinen, die von einer zur anderen Wand in einer geraden Linie parallel zu einem weiß lackierten Bücherregal angeordnet waren, gen Decke geworfen, beleuchteten so die Reihen an Bücher unterschiedlichster Arten, Formen und Größen und suchte von dort aus einen Weg in alle Himmelsrichtungen. Selbst die unzähligen Farben der Bücherrücken vermochten nicht mehr Leben in diese leblose kalte Szenerie zu bringen. Kalt war schon der falsche Ausdruck. Kühl und steril traf es eher. Der restliche Raum versprach nichts anderes. Schlichtes Design, Bauhausstil, weiß und helle Grautöne erinnerten mehr an ein Labor oder ein Büro als an ein Wohnzimmer. Es fand sich auch kein lebendiges Grün im Raum, dafür eine Glasfront, die den wildwuchernden Garten freizügig präsentierte. Nur fehlte die Sonne und die Nacht ließ das Grün in ein lichtverschluckendes Schwarz mutieren ließ. Die Schnallen seiner schweren Stiefel waren das Einzige, was man hören konnte. Er setzte sich auf die Couch, stützte die Ellbogen auf die Oberschenkel und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht, atmete tief durch und griff zu einer Tablettendose auf dem Glastisch vor ihm, der nicht ein Mal die Spur eines Fingerabdrucks trug. So wie es klang enthielt die Dose nicht mehr viele Tabletten, eine davon ließ er sich auf die Handfläche fallen, drückte den Deckel der Dose mit dem Daumen zu und stellte sie vielleicht ein wenig zu energisch wieder an nahezu derselben Stelle ab, ehe er mit Schwung die kleine, runde Tablette im Mund verschwinden ließ und sie ohne Wasser schluckte. Danach löste er die Schnallen seiner Stiefel, öffnete den Reißverschluß und zog sie aus, ließ sie achtlos neben der Couch stehen und legte sich lang, die Arme hinter dem Kopf verschränkt starrte er die Decke an ohne sie zu sehen, ehe er sich auf die Seite legte mit dem Gesicht zur Rückenlehne gewandt und die Augen schloß

Kogan, Charaktere zu einem noch namenlosen Buchskript.

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Irrwege eines Cholerikers

[Auszug aus einem noch namenlosen Buchskript]

Eigentlich ist es mir ja bewusst, wenn auch viel zu deutlich für meinen Geschmack. Es ist mir leidlich demnach viel zu deutlich bewusst, dass die Menschen einen übertrieben ausgeprägten Hang zur Dramatisierung, Schwarzmalerei, Verdummung, Idiotie und einer außerordentlich seltsamen Art von Kreativität an den Tag legen müssen, sonst würden sie wohl jämmerlich zu Grunde gehen. Und manchmal beneide ich sie um diese Kreativität, die so rein gar nichts mit Kunst oder dergleichen Produktives zu tun hat, sondern einfach nur damit, sich immer und immer wieder neue und sehr verzwickte Problemsituationen zu schaffen, wenn man denn sonst nichts zu tun findet. Ist zwar an sich nichts Gutes, aber immer noch besser als Langeweile. Und die Menschen leiden wohl recht oft an dem selben Übel, oder müssen unglaublich viel Zeit vom Tage über haben. Denn sie tuen oft kreativ sein. Naja, aber ich kann es wenigstens nachvollziehen, wieso man um jeden Preis dem Monster namens Langeweile entkommen will. Ich drehe stets am Rad, hin und wieder auch mal durch, wenn ich keine gute Beschäftigung finde. Naja, und ich will vermeiden, nochmal durchzudrehen, denn dann legt sich ein defekter Schalter um und es eskaliert. Das Schlimme ist, dass ich trotz aller Raserei noch immer sehe und verstehe was ich tue, doch denken ist dann nicht mehr möglich. So kommt es, dass ich bereits unzählige Taten begangen habe, auf die ich nie stolz sein kann. Und durch die ich auch leide, beinahe so, wie ein frommer Mensch unter einer Todsünde. Vielleicht sogar so, wie ein frommer Mensch an der schlimmsten der Todsünden leidet, beging er sie mal. Aber zeigt sich da nicht diese Dramatisierung, die ich so bei den Anderen hasse? Vielleicht gehe ich in der Sache zu streng mit mir um, vielleicht aber auch viel zu nachsichtig. Eher Letzteres würde ich behaupten, denn man darf, wenn man gern sich über die Defizite anderer aufregt oder gar lustig macht, nicht mit sich selbst schludern. Jemand, den ich einst für klug hielt, sagte mal, dass man gegen Gefühle nichts machen kann. Ich sehe das anders, auch wenn ich da eigentlich ein sehr gutes Beispiel zur Bestärkung seiner These anführen kann mit meiner großen Schwäche der Raserei. Aber ich untermauere das nur mit einem Argument, dem Argument, dass man dann an sich zu arbeiten hat, weil man noch nicht das Ziel erreicht hat, das Ziel zur Ausmerzung eben solcher Schwächen. Manchmal erwische ich mich dabei, wie ich diese Ausfälle in die Raserei damit zu begründen suche, dass die Dummheit anderer eben nunmal schmerzt, aber.. Ausreden zählen nicht, Sündenböcke haben keine Daseinsberechtigung. Es gilt allein nur, was im eschatologischen Waschzettel steht, Sheldon B. Kopp schrieb das Buch „Triffst du Buddha unterwegs..." und auf den letzten Seiten findet man ihn. Klinge ich frustriert? Ach was frag ich, mich interessiert die Antwort doch ohnehin nicht. Ja, ich klinge sicherlich arrogant und voreingenommen, aber gegen manch als negativ verschriehene Eigenschaft habe ich nichts. Manchmal muss man Rückgrat beweisen und sich eigene Regeln schaffen. Darin bin ich ungeschlagener Meister. Trotzdem ich ein ausgesprochener Fan der Logik und des Realismus bin, müssen die selbst erschaffenen Regeln keineswegs irgendeinem nachvollziehbaren Muster folgen. Hatten Regeln doch meist sowieso nie in der Geschichte der Menschheit und mir reicht mein Wissen, dass ich bei Bedarf durchaus der Logik und des Realismus mächtig bin. Es legitimiert vielleicht nicht, aber ich bin es leid, mich ständig zu rechtfertigen. Wem hat denn je eine Erklärung meinerseits interessiert? Mich wundert es zumindest nicht, dass das nie jemandem gejuckt hat, handhabe ich doch selbst mit anderen nicht anders. Da Sündenböcke keine Daseinsberechtigung haben und Entschuldigungen hinfällig sind... wozu dann nachfragen?

So, nun wird es mir mal wieder deutlicher bewusst, wie blöde doch der Mensch von Natur aus ist. Nein, das ist nicht garstig, das ist realistisch. Ich könnte nun einen gemütlichen Abend zu Hause verbringen oder im Labor.. aber das ist mir vergönnt. Stattdessen sitze ich in einer dreckigen und stinkenden Kanalisation fest. Und im Grunde ärgere ich mich nur über mich selbst, da ich nicht alles selbst gemacht habe. Das hätte natürlich mehr Zeit in Anspruch genommen, Pläne heraussuchen, welche schmieden.. So kann es gehen, wenn man sich auf andere verlässt. Selber Schuld. Meine Stiefel sind bereits ganz durchgeweicht, weil das Ausweichen auf trockene Landmassen hier unten nicht immer Möglich ist. Irgendjemand wird dafür noch leiden müssen, mein gutes Schuhwerk... Trotzdem ich seit mindestens 24 Stunden schon auf den Beinen bin, merke ich durch den Groll nicht den Ansatz von Müdigkeit, aber dafür jede Menge Übelkeit aufsteigen und tatsächlich sind die Hauptursachen gar nicht die Fäkalien, die an mir vorbeischwimmen oder die sich kaum bewegende Luft hier unten, sondern eben wieder dieser Groll. Meine Nase beginnt mal wieder zu laufen oder vielleicht tut sie es schon länger und ich realisierte es nur nicht. Dieser hässliche Vasomotorischer Schnupfen. Ich wünschte, ich hätte wenigstens Musik bei mir. Aber wer hätte gedacht, dass ich Zeit für so etwas haben werde? Nicht mal Gesellschaft läuft mir bei Fuß, aber die Sorte Gesellschaft, die ich mir wünschte, ist unwahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto. Wohl stelle ich zu hohe Ansprüche oder bin eben doch viel zu verkappt. Das kann man nur sagen, wenn man das mit etwas anderem vergleicht, dazu ist das Maß aller Dinge nötig und in solchen Belangen existiert es noch nicht. Vielleicht sollte ich mich dafür zur Verfügung stellen! OK, zugegeben, das war astrein arrogant gerade eben, aber ist doch wahr! Ohnehin bekommen alle Dinge nur dann einen positiven oder negativen Anstrich, wenn man sie mit den Maßstäben anderer vergleicht, und das ist wieder rum hinfällig. Allerdings gibt es durchaus Positives und Negatives, dass sich jedem Vergleich entzieht, es selbst hinfällig werden lassen, wie Sex und Fäkalien. Bitte Reihenfolge beachten! Wer auch immer entdeckte, dass Männer immer nur an das eine denken, war eindeutig ein Genie! Wieso kam mir der Gedanke nur nie selbst, ich, der ich in der Kanalisation mit fäkalischer Gesellschaft eben auf grade einen Vergleich mit Sex kam. Wunderbar!

Was das für ein abartiges Geräusch doch ist, sobald der Untergrund schlammiger wird. Nun war der Hauptgrund meiner Übelkeit doch die örtliche Lage meiner ... ich muss kotzen und tue es hiermit auch.

Ach du treuer Weggefährte Schmerz

[Auszug aus einem noch namenlosen Buchskript]


Die Dunkelheit wich dem schwachem Licht, welches durch seine geschlossenen Lider drang, und die mit der Ohnmacht einhergehende Gefühllösigkeit des Körpers der feuchten Kälte des Regens, die ihn zwangsläufig zum Zittern brachte. Der Schmerz fuhr ihm augenblicklich durch jede seiner Zellen und raubte ihm fast wieder die noch so labile Geistesanwesenheit. Seine Lungen brannten und verlangten nach einem tiefen Atemzug frischer Luft, doch seine Rippen mochten dieses Spiel nicht leiden und weigerten sich schlichtweg dagegen. Sie ließen nur ein leichtes, flaches Atmen zu. Die noch so flüchtige Konsistenz seines Verstandes ermöglichte kein Begreifen der Situation und erst recht keine Analyse des Herganges. Der pochende Druck im Inneren seines Schädels unterdrückte das endgültige Manifestieren seines Bewußtseins und zwang ihn weiterhin reglos im Dreck und sich am Boden sammelnden Regens liegen zu bleiben. Ein plötzlicher, heftiger Hustanfall, verursacht durch Blut in seinen Atemwegen, quälte ihn noch unsäglich lange Minuten. Er hatte die Wahl, endgültig wieder wegtreten und dabei Gefahr laufen, nie wieder wach zu werden, oder aber er sammelte die letzten Reste seines verbliebenden und zum Teil noch schlafenden Ichs zusammen, um sich irgendwann selbst vom Asphalt zu kratzen, denn langsam wurde ihm klar, dass es keiner für ihn würde übernehmen können. Wie immer in solchen Zeiten. Die vielen derartigen Foltereien hatten ihn abstumpfen, den Schmerz zu einen guten und zuverlässigen Weggefährten werden lassen. Nur war er davon überzeugt, daß sein Kumpane nie so allgegenwärtig präsent gewesen war, zwar hatte er das schon des öfteren gedacht, aber es gibt stets einen Moment, der alle bisherigen toppen würde.

Allmälich holte ihn die Realität vollends ein, erzählte ihm vom Hergang, teilte ihm die Umstände und seine derzeitige Lage mit. Er stöhnte im Versuch sich etwas Erlösung durch einen erneuten tiefen Atemzug zu verschaffen. Es mißlang. Langsam und widerstrebend nur öffnete er die Augen, petzte sie sofort wieder fest zusammen, das Gesicht verzog sich dabei wie von selbst zu einer Grimasse, da der Regen ihm das Blut einer klaffenden Platzwunde in die Augen trieb, die fürchterlich zu brennen begannen.

Er war das Ganze schon so leid. Egal was unternommen wurde, egal wie sehr man sich anstrengte, egal mit wem man sich verbündete, das Ergebnis war stets gleich niederschmetternd. Schon des öfteren sah er sich seinem Ziel schon so nahe und musste sich dann frustriert der Niederlage stellen. Durchhalten wurde schwierig. Das Leben war schwierig. Er besaß weder Nerven noch die Lust darauf. Wäre er alleine gewesen, hätte er wahrscheinlich sich schon längst vor lauter Überdruß das Leben auf irgendeine unspektakuläre Weise schon vor langer Zeit genommen. Aber er war ja nicht alleine, viele Menschen waren von ihm abhängig. Nicht alleine.

Dann widerfuhr es ihm wie ein Blitz. Gedanken der Erkenntnis schossen ihm durch den Kopf, die potentielle Gefahr, die der Kleinen Truppe drohte gab ihm Kraft, beziehungsweise den nötigen Willen sich aufzurappeln, jetzt ging es nicht mehr nur um ihn. Es ging im Grunde nie wirklich um ihn. Er merkte nicht, wie er vor Schmerzen ächzte, wie sich der ohnehin schon übermäßig rot gefärbte Asphalt sich von Neuem mit nichts anderem als seinem Blut verfärbte. Es rann ihm über das Gesicht, tropfte vom Kinn und Fingerspitzen. Der zerschmetterte rechte Arm bescherte ihm noch einige erfolglose Aufstehversuche ehe er endlich mehr oder minder stand. Er hob den Kopf gen Himmel, wollte dem Schmerz durch Brüllen Luft machen, verzog nur das Gesicht stattdessen, ließ den Regen das Blut aus den Augen waschen.

Die Ohnmacht nagte erneut an seinem Geist, erschwerte das Denken und vor allem das Überleben. Am liebsten hätte er ihr nachgegeben, sich einfach zum Sterben wieder auf die Straße gelegt, auf seinen ersehnten Erlöser, dem Tod gewartet. Er hätte es womöglich auch getan. [...]

Die Ungewissheit mutierte zum ebenbürtigen Gegner der Ohnmacht. Sein künstliches Bein funktionierte nicht mehr so wie es sollte, es machte das Gehen nahezu unmöglich, es gehorchte ihm nur sehr eingeschränkt. Er mußte sich beeilen, wenn er es noch schaffen wollte. Er mußte es schaffen. [...] Eine Mauer entlang der Straße, er war sich nicht sicher wo er sich befand, jedenfalls nicht mehr dort, wo er das Bewußtsein verlor, mußte ihm als Stütze dienen. Das Metall seines Beines scheuerte am Boden und entließ so ein jammern, das sich zum wimmern des Windes gelellte.

Er musste wieder husten, sich beugen und Blut erbrechen. Es stammte aus seiner Lunge und trat nicht nur auf diesem Wege zu Tage. Er frohr.

Nocheinmal folgte er dem Gedankengang von eben, [...] Er zwang sich zu einem weiteren quälenden Schritt, hob nebenbei seinen rechten Arm, der bei Weitem nicht mehr wie einer aussah. Der Anblick zwang ihn erneut zum Würgen, doch konnte er es gerade noch so unterdrücken. Nele... Wo war sie wohl jetzt? Er würde sie an einen besseren Ort bringen, sobald er sie fand. Er ging mehrere Orte in Gedanken durch, und dann ihre letzten Schritte, um nachvollziehen zu können, wo sie sich befinden konnte. Das Grübeln ließ ihn für einen Moment die Schmerzen vergessen, bis ihm ihr allerletzter Schritt einfiel. Sie war tot! Wie konnte er das vergessen? [...] Die Übelkeit nahm sich ihren Begleiter, das Schwindelgefühl zur Hilfe und brachte ihn damit zu Fall, er würgte und erbrach erneut Blut, dann wurde es wieder schwarz um ihn.

Lüge

[Auszug aus einem noch namenlosen Buchskript]

In manchen Fällen spielt es keine Rolle, ob man jemanden der Lüge bezichtigt während man selbst nicht reinen Gewissens ist. Manchmal spielt die Moral einer Geschichte keine Rolle. Denn ab und an gehört das zum Überleben. Die Lüge war inzwischen zu einem festen Bestandteil meines Alltages geworden und ohne es wirklich wahrzunehmen hatte ich inzwischen schon jeden darin mit einbezogen. Mehr in Form von Verschweigen als aktiver Lüge. Wenn man aber den eigenen Leuten vorgaukelt, man hatte sich nie etwas Böses bei dem gedacht, womit man sein täglich Brot verdiente, man es zwar nie direkt ausformulierte, oder sogar nie auch nur ein einziges Wort darüber verlor, und die Ergebnisse des Handelns mehr Leid und Tod verursachte als so mancher amerikanischer Soldat, so ist es immer noch Lüge. Ich war sich dessen nie bewusst gewesen, womöglich aus eigener Verdrängung heraus, allerdings wurde ich dadurch nicht zu einem besseren Menschen. Wenn ich jemals darüber nachgedacht hätte, wäre ich zu einem ungemütlichen Schluss gekommen, hätte feststellen müssen, wie sehr ich mich von dem Mann unterschied, den ich vorgab zu sein. Einige meiner Taten konnten als gut bezeichnet werden, vielleicht reichte die Zahl sogar für ein viel aus. Aber das Entscheidende waren nicht die Taten, sondern die Beweggründe, weshalb sie begangen wurden, und eine davon trug ich als Namen. Rache. Ein Wort, das scheinbar nicht zu mir passte und wohl doch wie die Faust aufs Auge.


Die unzähligen Monitore unterschiedlichster Größe, Ausrichtung und Bestimmung gaben den relativ kleinen Raum genug Licht ab, um unabhängig von anderen Leuchtmitteln zu existieren. Lüfter über den beiden Zugängen klapperten und verkündeten somit ihr Alter, ersetzten Musik und verscheuchten das Summen und Klingeln in meinen Ohren. Jeder der Bildschirme zeigte mir einen anderen Ausschnitt meines Reiches, meines Reviers. Im Grunde war es ein sicherer Ort. Aber die Sperrzone, ganz gleich, wie sehr sie gemieden wurde, so sehr zog sie auch die kuriosesten Gestalten an, die meistens ein und die selben Eigenschaften untereinander teilten. Sie waren die Unberechenbarsten. Das Einzige, was die Zahl der Monitore noch übertraf, war die der vielen Memos, die an ihnen klebten, und die Stummel in den zwei Aschenbechern.

Unruhige See

[Auszug aus einem bisher noch namenlosen Buchskript. Fehler dürfen behalten werden ;-D]


Egal wie man es dreht oder wendet, immer mangelt es an einer Stelle so sehr, wie in der Tiefsee am Sonnenlicht. Ich hatte etwas Unmögliches geschafft, von der Gosse an die Spitze, vom sozialen Müll zur Elite, vom Sklaven zum Herren. Und dennoch fühlte ich mich so dreckig und hager wie ein zerlumpter Straßenköter, minderwertiger als der Abfall, den dieser frisst. Nun stand ich an der Spitze eines der weltgrößten Konzerne und damit auch an der Spitze der Metropole, in der ich lebte, ich kontrollierte alles bis ins kleinste Detail, ich entschied über Gedeih und Verderb, über Aufstieg und Untergang vom Konzern bis zum Arbeiter, natürlich mehr oder minder direkt, vielmehr indirekt, mit mir stand und fiel alles, ich bestimmte das Antlitz dieser riesigen Stadt, und genau hier her wollte ich, ich wollte treten, nicht mehr getreten werden, ich wollte nicht aktiv den Menschen Leid zufügen, aber in der Lage sein, jemanden zu zerstören, wenn ich es nur so wollte, ich habe alles gegeben, ohne zu wissen, was es für Konsequenzen mit sich bringen würde, nun stand ich hier an der Spitze und war ärmer als die Kreatur, der ich so glich und wie die ich mich fühlte.

Als ich damals mir schier einen Arm auskugelte, um mir Gehör zu verschaffen, mit dieser einen zu Allem entschlossenen Geste mein Schicksal bestimmte, damals konnte ich weder ahnen, was auf mich zukommen würde, noch wie sinnlos die Anstrengungen waren. Sinnlos in bestimmter Weise. Sicherlich blieb das Axiom immer noch gültig, nach dem Fortschritt zwar eine Illusion war, aber Stillstand den Tod bedeutete, doch erreichte ich ums Verrecken nicht mein eigentliches Ziel. Ich hatte es satt, alleine zu sein, niemanden vertrauen zu können, selbst meinen Rücken im Auge zu behalten, nachts vergebens im Halbschlaf nach einer alles beruhigenden Nähe zu suchen, wenn der gesunde, tiefe Schlaf wieder aufgrund eines beutelnden Alptraumes ausblieb und man am nächsten, langen, anstrengenden Tag vor Ermüdung abends zittert und jede Kraft aufbringen muss, um nicht wie ein kleiner Junge das Heulen anzufangen. Und das Schlimmste an der Geschichte war, dass ich nicht wusste, was es war, das mir Erlösung schenken würde.

Früh fand ich Gefallen im Rausch der giftigen Dämonen, die da hießen Alkohol, Droge und Vergnügung, ich stürzte mich in Arbeit und lud diese Dämonen für die wenigen Stunden zwischen Broterwerb und Schlaf zu mir ein, gab ihnen, was sie verlangten, meinen Verstand, in der Hoffnung, dass sie ihn bis ans Ende aller Tage bei sich behalten oder in der ewigen Finsternis des Vergessens verstecken würden. Aber wohl empfanden sie meinen Verstand als so kümmerlich, so jämmerlich, so wertlos, dass ich ihn stets wieder zurück bekam.

Wenn ich es mir so recht überlege, hatten sie Recht, denn ich sah, was nur Wenigen zuteil wurde, ich roch die Luft eines Landes, das mehr zu bieten hatte, als ein Gott für einen Besuch auf der Erde verlangte, aß, was Tote eine neue Seele einflößen konnte, fühlte, was in der Lage war den Verstand effektiver zu vernichten, als es jeder dieser Dämonen je vermochte, und dennoch blieb mir die Erleuchtung aus, die mir zu Füßen gelegt wurde, so einfach und leicht, jene Erleuchtung, hinter der Millionen Gläubige ihr Leben lang liefen. Aber anstatt mich nach dieser kostbaren Erleuchtung zu bücken hielt mein falscher Stolz mein Rückgrat steif wie die Stahlträger meines 700 Meter hohen Hauptsitzes, wie die Wachen meiner Residenz, wie die Säulen meines Palastes, wie die Nägel meines meines Sargs, so krümmte ich nicht mein Kreuz und blieb lieber dumm wie ein wirbelloses Tier, abgekratzt vom Pflasterstein. Vielleicht konnte ich mich nur deswegen gegen diese Erleuchtung wehren, da ich sie erkannte, wie war es denn auch möglich angesichts der unendlichen Blattmeere der grünen Hölle, der erschlagenden Größe schneebedeckter Bergmassive, der erdrückenden Schwere tödlicher Unwetter auf hoher See, einer See, die meine Seele widerspiegelte, die sich mit einem grauen Ungeheuer konfrontiert sah, das drohte sie zu zerreißen mit Hilfe der brennenden Blitze und des ohrenbetäubenden Grollens.

Wie konnte ich denn nicht begreifen, dass alles begehrte der Menschenwelt keine wirkliche Bedeutung hatte, dass ich noch kleiner war, als ich mich einst selbst machte, als ich mich noch mit Menschen verglich und nur mit ihnen? Wie konnte ich nur so unbeweglich steif da stehen in Gegenwart eines überlaufenden Flusses, der Gletscherwasser aus geschmolzenen, tausend Jahre altem Eis führte und allein beim Anblick des klaren Blaus, das das warmer Lagunen glich, und es nur durch die Farbe vermochte, die Luft und den Geist zu reinigen? Wie unwichtig war doch Hab und Gut, wie nutzlos Status und Ruf, wie menschgemacht die Stunden und Minuten. Die Natur kennt nur Tag und Nacht, Winter und Sommer, Frühling und Herbst, und nur die Ruhe der Gelassenheit, selbst im Getümmel der Möwen gepeinigten Vogelbrut, eng an eng auf viel zu kleinen Felsen, offen bar jeden Wetters.

Ich verstand nicht, dass nur die kurzen Momente in der Natur, in der haltbar gemachten Versteinerungen der Geschichte, all die Anstrengungen wert waren, nicht die Verträge, die Geschäftsbegründungen, die Geldschiebereien und Verkäufe, die im Sinne eines Alibis eine Hand voll machtgeile Giga-Kapitalisten in die entlegensten Winkel der Erde lockten. Kurzerhand wurden all die wahren Diamanten, denn anders konnte man solche Momente, solche heiligen Orte der Schönheit nicht nennen, zur unbedeutenden Kulisse eines Geschäftsessens degradiert, zu nichts anderem nutze, als den zukünftigen Geschäftspartner milde zu stimmen.

Ab und an keimt in mir der Gedanke auf, die Menschheit vergewaltigt alles, was sie in die Finger bekommt und bisher erhielt ich nie einen Gegenbeweis. Oder ich übersah das Offensichtliche, was mir sehr wahrscheinlich erscheint.

Ich war dumm und bin es noch, ich suchte und suchte, fand und fand, und übersah und übersah. Wenn Dummheit schmerzen würde, ich hätte seit dem Tag meiner Geburt nicht mit Schreien aufgehört.

Im Nachhinein erkenne ich all die Wunder, denen ich begegnete und sie wirken mir so fern, als sei ich nie da gewesen. Ich war nicht würdig.

Wenn ich irgendetwas wusste, dann, dass ich nichts wusste.

Ich wandelte wie ein Blinder durch die atemberaubendste Schönheit, wie sie nur die Natur hervorbringen konnte, sah sie, nahm sie wahr, doch wollte ich sie nicht wahr haben, ich ignorierte sie, was mich schuldig machte, anders wie ein Blinder, der nichts dafür kann.


Ich kam an.

Nicht dort, wo ich glaubte, ankommen zu müssen, nicht an mein unklares Ziel, nicht an irgendein Ziel.

Es war ein Wendepunkt.



Ich saß in meinem braunen Ledersessel vor dem Fenster, dass sich halbkreisförmig um mich wand und die Sicht vom Boden bis zur drei Meter hohen Decke freigab, mir die Stadt zeigte, die sich mir dar bot, wie eine drogenverseuchte und geschlechtskranke Dirne, sich glitzernd versuchend hübsch zu machen. Ich saß genau im Mittelpunkt des Kreisradius', tief im Sessel versunken, gelegentlich ein goldbraunes Glas Whiskey anhebend mit einer Kippe im Mundwinkel, die ebenso sporadisch Asche auf mein Hemd rieseln ließ. Ich merkte immer wieder viel zu spät, dass ich blinzeln musste, sodass meine Augen brannten, mich noch müder fühlen lassend, als ich es ohnehin war. Warum ich an die Bilder denken musste, die ich einst versuchte zu ignorieren, das saftige Grün, das meine Seele unbewusst nährte, der kühle, nasse Wind, der mir den salzigen Geruch der See in die Nase brannte, das Kreischen der Möwen, die um Beute stritten, all das stimmte mich nun auf eine seltsame Weise traurig.

Waren das Teile meines Zieles? Musste ich dorthin zurück kehren und verbleiben? War dort die Einsamkeit erträglich oder war es vielleicht sogar möglich, dass ich dort mit meines Gleichen zurecht kommen würde? Fand ich dort meinen Frieden?

Frieden sicher, doch der Einsamkeit, so sehr wie ich sie verehrte, und so sehr, wie sie mich zerstörte, nein, ihr entkam ich dort ganz sicher nicht. Und doch zog es mich dort hin und die fernen, schlecht verstandenen Eindrücke lehrten mich noch im Nachhinein, das ich auf dem falschen Weg wanderte. Mir war nie so bewusst gewesen, was für ein riesiger Dummkopf ich doch die gesamte Zeit über gewesen war. Man kommt dumm auf die Welt und ich blieb es bis jetzt, gut möglich auch für alle Tage.

Dumm war gar kein Ausdruck, das Fußvolk meines Konzerns, meine Angestellten, sie gehorchten mir zwar, aber es gab eine Hand voll Ausnahmen, eine kleine Gruppe, die länger im Unternehmen angesiedelt waren als ich selbst, was an sich keine so große Kunst war. Diese kleine Gruppe ließ alle einschließlich mich in den Glauben, ich sei der wahre Drahtzieher. In Wahrheit kontrollierten sie das, was ich glaubte zu steuern. Sie hatten einen ganzen Geschäftszweig vor mir verborgen und vor den meisten Anderen. Es gab eine Vielzahl Räumlichkeiten, von deren Existenz ich nicht mal zu träumen wagte. Was ich dort zu sehen bekam, erschütterte mich bis ins Mark, diese Bilder waren denk ich diejenigen, die die Kraft besaßen, mich wach zu rütteln. Mir wird noch immer jedes einzige Mal übel, wenn ich mich an diesen Moment zurück erinnere, als ich staunend die Flure entlang schlich und das erste Zimmer betrat, das nichts Anderes sein konnte als der neunte Kreis der Hölle. Die Erkenntnis, dass ich all das zu verantworten hatte, schnürte mir die Kehle zu. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht und ich weiß, dass ich eines Tages dafür büßen musste. Und wenn ich ehrlich bin, dann sehne ich mich nach diesen Tag, der mir eine Erlösung sein wird. Beim Verlassen der Räumlichkeiten tat ich mir schwer, mich nicht erwischen zu lassen, da mir schwindelig war und die Übelkeit mir die Sinne raubte.

Ich musste etwas ändern, verdammt war ich und ich wollte es nicht bleiben, vor allem nicht so zu Grunde gehen. Ich tröstete mich damit, dass ich Vielen einen guten Schritt voraus war, immerhin erkannte ich, dass ich falsch lag. Und das auch noch meilenweit. Ein letztes Mal zog ich an der Zigarette und ließ den Stumpen achtlos auf den Boden fallen. Dann trank ich beim Aufstehen das Glas leer, feuerte es in eine beliebige Ecke und schlenderte wankend gen Schreibtisch, der sich hinter ein gigantisches Aquarium verbarg, wieder ein Ausschnitt der Stadt im Rücken. Dort setzte ich mich und begann die nächste Nacht vor dem PC zu verbringen. Nur dieses Mal nicht zu Gunsten des Konzerns. Ich unterschlug alles, was mir nur unter den Nagel kam, schob so viel vom Kapital, das im Grunde mir gehörte und doch irgendwie nicht, auf versteckte Konten, verschacherte Aktien an so viele Unternehmen, wie es mir nur möglich war, schickte mir selbst Waren an verschiedenste Adressen, lagerte diese Waren mittels unbeteiligter Unabhängige um, ich tat alles, um den Konzern zu schaden und mir selbst einen guten Neuanfang zu verschaffen, und alles, um die Spuren zu verwischen.

Dienstag, 30. September 2008

Selbstzweifel

[Auszug aus einem bisher noch namenlosen Buchskript]


Ohne ein gesundes Maß Selbsthaß kann der Mensch meines Erachtens nicht rechtens leben. Nicht so, wie er es sollte. Zumindest kam es mir bisher stets so vor, als gründe jede Rücksichtnahme, jede Höflichkeit, jede Aufmerksamkeit anderen gegenüber in eher wenig zuträglichen Wurzeln wie ein verkümmertes Selbstwertgefühl, wie Kleinmacherei des eigenen Seins, wie Aufopferung und Aufgabe des eigenen, des pseudofreien Willens. Zuneigung kann schlecht ein Grund gewesen sein, denn wie sollte ich eine mir fremde Person mögen können? Und während des Kennenlernens begann jedes Mal auf's Neue mein Dilemma. Zu Unschuldszeiten, Zeiten, in denen man die Welt noch so einfach gestrickt sieht, wie man es eben nur als Kind vermag, damals glaubte ich an das Gute im Menschen, glaubte, dass es richtig und gut sei, jedem den vollen Respekt zukommen zu lassen, solange, bis ein Punkt erreicht ist, an dem der Respekt verloren geht. Soweit so gut, aber alle verloren sie den ihnen zugestandenen Respekt. Es war immer nur eine Frage der Zeit. Irgendwann drehte ich die Komponenten im Rezept des Miteinanders herum, sie sollten sich erst beweisen, mir zeigen, dass sie den Respekt verdienten. Ich begann sie alle zu verabscheuen. Dann beobachtete ich sie eines Tages mit wachsendem Interesse, nicht dass ich Menschen dann doch so mochte, nein, vielmehr waren es die Hintergründe ihren Verhaltens, das mich neugierig machte. Ich wollte wissen, wie sie funktionieren, warum sie wie reagierten. Vielleicht um besser einschätzen zu können, wie ich selbst reagieren musste, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. Dummerweise erkannte ich mich in so vielen von ihnen wieder, dass sie mein Innerstes vergifteten und sie trugen nicht einmal Schuld daran. Was konnten sie auch dafür, dass ich mich ihnen ähnelte? Und nur weil ich mich ihnen so unliebsam glich, verstand ich, dass sie ebensolchen Respekt verdienten, wie ich selbst für mich verlangte oder es wenigstens erhoffte, und ich begann von nun an den Haß zu nähren, der sich gegen mich selbst richtete, wie er auch gegen sie ging, gleiche Medizin für alle. Ich war vielleicht in dem einen oder dem anderen Aspekt in bestimmter Weise besser als sie, aber sie glichen das mühelos aus, indem sie mir in einem anderen Bereich des Seins überlegen waren. Es frustrierte mich und das wiederum nährte den Selbsthaß. Ich war genauso ein Scheusal wie sie alle. Ob sie nun Schuld daran trugen, dass ich von Anfang an nie wirklich mit ihnen zurecht kam, oder ob ich schon so sozialverkümmert auf die Welt kam, ich wusste es nicht zu beantworten. Wäre letzteres der Fall, hätte ich die Schuld noch auf die Schultern meiner Eltern oder des Schicksals abwälzen können, aber machte das Sinn? Es spielte keine Rolle und früher oder später musste man schließlich seinen Mann stehen können um alle Sündenböcke abzuschaffen. Der Punkt war erreicht, an dem es keinen Sinn machte durchzuhalten. Aber Selbstmord erschien mir so rückgratlos wie kaum etwas anderes, so widerlich windend wie ein Regenwurm, der noch nicht bemerkt hat, dass ihm bereits ein Teil seines Leibes fehlt. Ich mochte tief gesunken sein im Angesicht des schlimmsten Kritikers, mir selbst, aber das letzte bißchen Stolz wollte ich mir doch noch bewahren. Vieles ließ ich mir nachsagen, aber Feigheit fühlte sich an, als besäße man ein dichtes Haarkleid aus Stahlwolle und jemand streichelte gegen den Strich. Korrekter beschrieben fühlte es sich an, als wuselten tausende Maden im Magen und fraßen sich den Weg nach außen. Oder einfach beides. Man muss stets weiter machen, denn Stillstand bedeutet Tod, doch Fortschritt ist nur eine Illusion, denn jede Lösung eines Problems ist der Urknall neuer Probleme. Ich denke der Sinn des Lebens verbirgt sich in Nichts anderem als der Umschichtung aller Tatsachen, in der Bewegung des Lebens, der aufgewühlten Existenz aller Dinge. Möglicherweise lebt die Zeit nur von der Bewegung und das Leben und die Existenz aller Dinge wiederum nur von der Zeit, wie auch der Raum von ihr abhängt, als vergessen alle Physiker, dass man nicht nur im selben Atemzug von Raum und Zeit sondern auch von Bewegung spricht, von Bewegung als Form oder als Synonym für Energie.... und irgendwo dazwischen findet man den Kern des Pudels, das was wir Seele nennen. Und die meinige ist schwarz und stinkt wie Pech und Schwefel.

Das Einzige, was Besserung schaffen konnte, war die Akzeptanz gegenüber dem Lauf der Dinge, der menschlichen Natur. Verstehen, wie die Welt sich dreht und damit klar kommen. Man muss eben mit solchen Widrichkeiten umgehen lernen. Ist eben so. Zu Anfangs glaubte ich noch an Ausnahmen, die die Regel bestätigten, aber dem war dann wohl doch nicht so. Nicht einmal das eigene Blut hält sich an deine Ideale. Selbst in den eigenen Reihen versteckt sich Verrat, Lug und Trug, als seien materielle Dinge von mehr Wert beseelt als die Familie. Vor allem, da von der Familie nicht sonderlich viel übrig blieb...

Das letzte Bißchen Vertrauen in die Menschen verlor sich in der Geilheit des Konsums, der materiellen Sicherheit und des Geltungsbedürfnisses, sich Fremden beweisen zu müssen, wen interessiert's? Am Ende jeder Geschichte drängt sich immer und immer wieder die Erkenntnis auf, dass man doch stets alleine auf der Welt ist. Man ist sich selbst der Nächste, das für eine lange Weile, am Ende gibt es niemanden, der einem im Geiste Gesellschaft leistet, wir sind Individuen, kein Kollektiv. Wir bilden es uns nur ein, wir seien nicht allein auf dieser Gott verdammten Erdkugel. In Wahrheit besitzt jeder seine eigene Wirklichkeit, die nichts gemein hat mit irgendeiner anderen der zig Milliarden anderen, auch wenn es auf eine seltsame Art und Weise zu funktionieren scheint miteinander aus zu kommen.

Das Urteil ist ein Hartes.

Mich interessierte die Ansichten und Meinungen der Anderen nicht mehr und dennoch glaubte ich, durchzuhalten zu müssen, kein rückgratloser Feigling sein zu dürfen, doch es gab eigentlich nur eine Person, gegenüber der ich mich rechtfertigen musste und die war ich selbst. Denn alles andere hätte bedeutet, dass ich doch in einer gewissen Weise Wert auf die Ansichten anderer gelegt hätte. War dem doch so? Ich bildete mir ein, dem wäre nicht so. Und immer und immer wieder erwischte ich mich dabei, wie ich mir den Kopf darüber zerbrach, wie ich auf andere wirkte, was andere wohl dachten und dergleichen. Man entkommt seiner Natur nicht, der Mensch ist gesellig, kein Einzelgänger, auch wenn letzteres das Ideal meiner Existenz war. Bei Tieren führt nicht artgerechte Haltung zwangsläufig zu Schäden, manchmal so arge, dass die Tiere dabei eingehen. Ich fragte mich, ob mir das selbe geschehen könnte, wenn ich das Leben eines Einzelgängers führe, statt meiner geselligen Natur zu frönen. Und ich fragte mich auch, ob der Wille nun wirklich so mächtig sei, Berge versetzen zu können, dass es ausreichen würde, um wider der Natur einsam durch die Weltgeschichte wandern zu könen. Sorgfältiges Abwiegen aller Fakten und möglicher Konsequenzen brachte nichts in einem so dynamischen System wie das Leben, also ließ ich es, horchte auf meine inneren Dämonen und blieb für mich, trotz der Gefahr, jämmerlich wie ein einsamer, geschlagener und geschundener Hund zugrunde zu gehen. Was sollte es auch? Ich musste nur für mich Verantwortung tragen, was die Sache um ein Vielfaches erleichterte. Ich musste keinerlei Strafe fürchten, niemand würde um mich weinen, also was sollte es? Es war einerlei. Ich konnte das, was ich am liebsten hatte, das was ich wollte tun und lassen. Das bereitete mir echte Zufriedenheit, Herr meiner selbst zu sein ohne Einschränkungen, gesetzlos, frei. Einsamkeit macht unabhängig, nur ich kann mich enttäuschen, nur ich bin es, der mich verletzen kann und ich weiß am besten, was Schmerzen bereitet, was unangenehm ist oder freut.

Ich musste eingestehen, dass es sich nicht ganz ohne Menschen leben ließ. Schließlich konnte ich nicht meinen eigenen Weizen anbauen und zeitgleich die Schafe hüten und den Strom, den ich brauchte, herstellen. Aber kannte man die Natur des Menschen, so konnte man sie benutzen wie Werkzeuge und zu meiner eigenen Überraschung stellte ich fest, dass ich es zuweilen sogar gut mit ihnen meinte. Sie bekamen das, was sie verdienten von mir, Belohnung oder Strafe, Sie durften Adam und Eva sein, oder erhielten die Rolle des Judas, nur ohne jede Vergebung. Vergebung ist ohnehin nur für Gläubige erschaffen worden und die erhalten diese auch erst im Jenseits. Und das Jenseits interessiert mich nicht, es gibt schließlich keine Garantie, dass diese auf mich wartet, gebe ich irgendwann den Löffel ab und auf Eventualitäten baue ich nicht.


Zeitverschwendung.