Donnerstag, 2. Oktober 2008

Lüge

[Auszug aus einem noch namenlosen Buchskript]

In manchen Fällen spielt es keine Rolle, ob man jemanden der Lüge bezichtigt während man selbst nicht reinen Gewissens ist. Manchmal spielt die Moral einer Geschichte keine Rolle. Denn ab und an gehört das zum Überleben. Die Lüge war inzwischen zu einem festen Bestandteil meines Alltages geworden und ohne es wirklich wahrzunehmen hatte ich inzwischen schon jeden darin mit einbezogen. Mehr in Form von Verschweigen als aktiver Lüge. Wenn man aber den eigenen Leuten vorgaukelt, man hatte sich nie etwas Böses bei dem gedacht, womit man sein täglich Brot verdiente, man es zwar nie direkt ausformulierte, oder sogar nie auch nur ein einziges Wort darüber verlor, und die Ergebnisse des Handelns mehr Leid und Tod verursachte als so mancher amerikanischer Soldat, so ist es immer noch Lüge. Ich war sich dessen nie bewusst gewesen, womöglich aus eigener Verdrängung heraus, allerdings wurde ich dadurch nicht zu einem besseren Menschen. Wenn ich jemals darüber nachgedacht hätte, wäre ich zu einem ungemütlichen Schluss gekommen, hätte feststellen müssen, wie sehr ich mich von dem Mann unterschied, den ich vorgab zu sein. Einige meiner Taten konnten als gut bezeichnet werden, vielleicht reichte die Zahl sogar für ein viel aus. Aber das Entscheidende waren nicht die Taten, sondern die Beweggründe, weshalb sie begangen wurden, und eine davon trug ich als Namen. Rache. Ein Wort, das scheinbar nicht zu mir passte und wohl doch wie die Faust aufs Auge.


Die unzähligen Monitore unterschiedlichster Größe, Ausrichtung und Bestimmung gaben den relativ kleinen Raum genug Licht ab, um unabhängig von anderen Leuchtmitteln zu existieren. Lüfter über den beiden Zugängen klapperten und verkündeten somit ihr Alter, ersetzten Musik und verscheuchten das Summen und Klingeln in meinen Ohren. Jeder der Bildschirme zeigte mir einen anderen Ausschnitt meines Reiches, meines Reviers. Im Grunde war es ein sicherer Ort. Aber die Sperrzone, ganz gleich, wie sehr sie gemieden wurde, so sehr zog sie auch die kuriosesten Gestalten an, die meistens ein und die selben Eigenschaften untereinander teilten. Sie waren die Unberechenbarsten. Das Einzige, was die Zahl der Monitore noch übertraf, war die der vielen Memos, die an ihnen klebten, und die Stummel in den zwei Aschenbechern.

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