[Auszüge aus einem noch namenlosen Buchskript]
Langsam drehte und wendete er die Münze mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger beider Hände und betrachtete sie konzentriert, als hätte er etwas derartiges noch nie zuvor gesehen. Er erkundete jede Furche, die nicht zum Muster gehörte, jedes Zeichen der Zeit, das Objekte beim Altern erwarben und die stumm und unverständlich von Vergangenem erzählten. Als er sich hingesetzt hatte und die Münze von der Kette nahm, die er stets um seinen Hals trug, hatte er sie noch emotionslos und distanziert betrachtet, aber je mehr Momente vergingen, desto schwerer wurde das Herz, desto mehr Ereignisse grub das kleine runde Metall aus den tiefsten Winkeln seiner Erinnerung. Irgendwann schoben sich andere Bilder vor seinen Augen, nicht mehr die Münze war es, die er musterte, nicht mehr die Realität des Hier und Jetztes. Vielmehr waren es Bilder von zurückliegenden Ereignissen, schöne Bilder, glückliche Szenen liefen wie ein Stummfilm vor seinem inneren Auge ab, Geräusche kamen hinzu, Gelächter einer wundervollen, zarten und angenehmen Stimme, Farben, die nur dazu dienten, ihrer Schönheit gerecht zu werden, Gerüche, die ihn um den Verstand brachten, selbst die Erinnerung an die damals verspürten Emotionen keimten auf. Die Münze blieb abrupt stehen und forderte zusammen mit der Wirklichkeit die allumfassende Aufmerksamkeit zurück. Für einen guten Augenblick schien alles still zu stehen, dann musste er schwermütig seuftzen. Er konnte sich nicht der Vergangenheit widmen, aus der die Münze stammte, ohne gleichzeitig nicht auch daran denken zu müssen, wie die schöne Zeit ein jähes Ende fand. Und es schmerzte jedes Mal von neuem in derselben Intensität wie beim allerersten Male. Mit dem einzigen Unterschied, dass er gelernt hatte, damit umzugehen, was die Sache nicht unbedingt verbesserte. Er hatte sich geschworen, dass kein zweites Mal durchmachen zu müssen und vermied es seit dem, dass ihm noch jemals ein Mensch zu nahe kam. Emotional zu nahe.
Er ließ die Münze in seiner Hand verschwinden und ballte diese zur Faust, so fest, dass die Knöchel sich weiß hervorhoben. Dann hängte er sich die Münze wieder zurück an den Hals und ließ sie unter das Shirt verschwinden. Ein weiteres Mal musste er Seuftzen bevor er sich aufrappelte und das gelbe und schwache Licht der Schreibtischlampe löschte. Für kurze Zeit wurde es dunkel ehe ein fader Schein vom Flur zur offenen Zimmertüre herein sichtbar wurde.
Manchmal fragte er sich, wieso er sich mit der Zukunft herum schlug, warum er sich abstrampelte einen Weg zu finden, der am geschicktesten an den Menschen vorbei führte, oder sie so in sein Leben einband, dass sie nützlich aber entbehrlich blieben. Er musste nur acht geben, dass er sich nicht an sie gewöhnte, Gewohnheit brachte oft Zuneigung in den unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen mit sich. Und darin bestand ja wiederum die Gefahr. Einfacher wäre es doch einen Schlußstrich zu ziehen. Aber dazu fehlte ihn der Mut. Oder war es eher so, dass er Selbstmord als feige abtat? Tat er Selbstmord als feige ab, weil ihn der Mut zu einer konsequenten Handlung fehlte? Er wusste es selbst nicht und hatte es irgendwann aufgegeben, die Antwort herauszufinden.
Er trat in den Flur und ging nach rechts und betrat schließlich das Wohnzimmer, von dem aus das fahle Licht stammte. es wurde von milchigen Glassteinen, die von einer zur anderen Wand in einer geraden Linie parallel zu einem weiß lackierten Bücherregal angeordnet waren, gen Decke geworfen, beleuchteten so die Reihen an Bücher unterschiedlichster Arten, Formen und Größen und suchte von dort aus einen Weg in alle Himmelsrichtungen. Selbst die unzähligen Farben der Bücherrücken vermochten nicht mehr Leben in diese leblose kalte Szenerie zu bringen. Kalt war schon der falsche Ausdruck. Kühl und steril traf es eher. Der restliche Raum versprach nichts anderes. Schlichtes Design, Bauhausstil, weiß und helle Grautöne erinnerten mehr an ein Labor oder ein Büro als an ein Wohnzimmer. Es fand sich auch kein lebendiges Grün im Raum, dafür eine Glasfront, die den wildwuchernden Garten freizügig präsentierte. Nur fehlte die Sonne und die Nacht ließ das Grün in ein lichtverschluckendes Schwarz mutieren ließ. Die Schnallen seiner schweren Stiefel waren das Einzige, was man hören konnte. Er setzte sich auf die Couch, stützte die Ellbogen auf die Oberschenkel und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht, atmete tief durch und griff zu einer Tablettendose auf dem Glastisch vor ihm, der nicht ein Mal die Spur eines Fingerabdrucks trug. So wie es klang enthielt die Dose nicht mehr viele Tabletten, eine davon ließ er sich auf die Handfläche fallen, drückte den Deckel der Dose mit dem Daumen zu und stellte sie vielleicht ein wenig zu energisch wieder an nahezu derselben Stelle ab, ehe er mit Schwung die kleine, runde Tablette im Mund verschwinden ließ und sie ohne Wasser schluckte. Danach löste er die Schnallen seiner Stiefel, öffnete den Reißverschluß und zog sie aus, ließ sie achtlos neben der Couch stehen und legte sich lang, die Arme hinter dem Kopf verschränkt starrte er die Decke an ohne sie zu sehen, ehe er sich auf die Seite legte mit dem Gesicht zur Rückenlehne gewandt und die Augen schloß


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen