[Auszug aus einem bisher noch namenlosen Buchskript. Fehler dürfen behalten werden ;-D]
Egal wie man es dreht oder wendet, immer mangelt es an einer Stelle so sehr, wie in der Tiefsee am Sonnenlicht. Ich hatte etwas Unmögliches geschafft, von der Gosse an die Spitze, vom sozialen Müll zur Elite, vom Sklaven zum Herren. Und dennoch fühlte ich mich so dreckig und hager wie ein zerlumpter Straßenköter, minderwertiger als der Abfall, den dieser frisst. Nun stand ich an der Spitze eines der weltgrößten Konzerne und damit auch an der Spitze der Metropole, in der ich lebte, ich kontrollierte alles bis ins kleinste Detail, ich entschied über Gedeih und Verderb, über Aufstieg und Untergang vom Konzern bis zum Arbeiter, natürlich mehr oder minder direkt, vielmehr indirekt, mit mir stand und fiel alles, ich bestimmte das Antlitz dieser riesigen Stadt, und genau hier her wollte ich, ich wollte treten, nicht mehr getreten werden, ich wollte nicht aktiv den Menschen Leid zufügen, aber in der Lage sein, jemanden zu zerstören, wenn ich es nur so wollte, ich habe alles gegeben, ohne zu wissen, was es für Konsequenzen mit sich bringen würde, nun stand ich hier an der Spitze und war ärmer als die Kreatur, der ich so glich und wie die ich mich fühlte.
Als ich damals mir schier einen Arm auskugelte, um mir Gehör zu verschaffen, mit dieser einen zu Allem entschlossenen Geste mein Schicksal bestimmte, damals konnte ich weder ahnen, was auf mich zukommen würde, noch wie sinnlos die Anstrengungen waren. Sinnlos in bestimmter Weise. Sicherlich blieb das Axiom immer noch gültig, nach dem Fortschritt zwar eine Illusion war, aber Stillstand den Tod bedeutete, doch erreichte ich ums Verrecken nicht mein eigentliches Ziel. Ich hatte es satt, alleine zu sein, niemanden vertrauen zu können, selbst meinen Rücken im Auge zu behalten, nachts vergebens im Halbschlaf nach einer alles beruhigenden Nähe zu suchen, wenn der gesunde, tiefe Schlaf wieder aufgrund eines beutelnden Alptraumes ausblieb und man am nächsten, langen, anstrengenden Tag vor Ermüdung abends zittert und jede Kraft aufbringen muss, um nicht wie ein kleiner Junge das Heulen anzufangen. Und das Schlimmste an der Geschichte war, dass ich nicht wusste, was es war, das mir Erlösung schenken würde.
Früh fand ich Gefallen im Rausch der giftigen Dämonen, die da hießen Alkohol, Droge und Vergnügung, ich stürzte mich in Arbeit und lud diese Dämonen für die wenigen Stunden zwischen Broterwerb und Schlaf zu mir ein, gab ihnen, was sie verlangten, meinen Verstand, in der Hoffnung, dass sie ihn bis ans Ende aller Tage bei sich behalten oder in der ewigen Finsternis des Vergessens verstecken würden. Aber wohl empfanden sie meinen Verstand als so kümmerlich, so jämmerlich, so wertlos, dass ich ihn stets wieder zurück bekam.
Wenn ich es mir so recht überlege, hatten sie Recht, denn ich sah, was nur Wenigen zuteil wurde, ich roch die Luft eines Landes, das mehr zu bieten hatte, als ein Gott für einen Besuch auf der Erde verlangte, aß, was Tote eine neue Seele einflößen konnte, fühlte, was in der Lage war den Verstand effektiver zu vernichten, als es jeder dieser Dämonen je vermochte, und dennoch blieb mir die Erleuchtung aus, die mir zu Füßen gelegt wurde, so einfach und leicht, jene Erleuchtung, hinter der Millionen Gläubige ihr Leben lang liefen. Aber anstatt mich nach dieser kostbaren Erleuchtung zu bücken hielt mein falscher Stolz mein Rückgrat steif wie die Stahlträger meines 700 Meter hohen Hauptsitzes, wie die Wachen meiner Residenz, wie die Säulen meines Palastes, wie die Nägel meines meines Sargs, so krümmte ich nicht mein Kreuz und blieb lieber dumm wie ein wirbelloses Tier, abgekratzt vom Pflasterstein. Vielleicht konnte ich mich nur deswegen gegen diese Erleuchtung wehren, da ich sie erkannte, wie war es denn auch möglich angesichts der unendlichen Blattmeere der grünen Hölle, der erschlagenden Größe schneebedeckter Bergmassive, der erdrückenden Schwere tödlicher Unwetter auf hoher See, einer See, die meine Seele widerspiegelte, die sich mit einem grauen Ungeheuer konfrontiert sah, das drohte sie zu zerreißen mit Hilfe der brennenden Blitze und des ohrenbetäubenden Grollens.
Wie konnte ich denn nicht begreifen, dass alles begehrte der Menschenwelt keine wirkliche Bedeutung hatte, dass ich noch kleiner war, als ich mich einst selbst machte, als ich mich noch mit Menschen verglich und nur mit ihnen? Wie konnte ich nur so unbeweglich steif da stehen in Gegenwart eines überlaufenden Flusses, der Gletscherwasser aus geschmolzenen, tausend Jahre altem Eis führte und allein beim Anblick des klaren Blaus, das das warmer Lagunen glich, und es nur durch die Farbe vermochte, die Luft und den Geist zu reinigen? Wie unwichtig war doch Hab und Gut, wie nutzlos Status und Ruf, wie menschgemacht die Stunden und Minuten. Die Natur kennt nur Tag und Nacht, Winter und Sommer, Frühling und Herbst, und nur die Ruhe der Gelassenheit, selbst im Getümmel der Möwen gepeinigten Vogelbrut, eng an eng auf viel zu kleinen Felsen, offen bar jeden Wetters.
Ich verstand nicht, dass nur die kurzen Momente in der Natur, in der haltbar gemachten Versteinerungen der Geschichte, all die Anstrengungen wert waren, nicht die Verträge, die Geschäftsbegründungen, die Geldschiebereien und Verkäufe, die im Sinne eines Alibis eine Hand voll machtgeile Giga-Kapitalisten in die entlegensten Winkel der Erde lockten. Kurzerhand wurden all die wahren Diamanten, denn anders konnte man solche Momente, solche heiligen Orte der Schönheit nicht nennen, zur unbedeutenden Kulisse eines Geschäftsessens degradiert, zu nichts anderem nutze, als den zukünftigen Geschäftspartner milde zu stimmen.
Ab und an keimt in mir der Gedanke auf, die Menschheit vergewaltigt alles, was sie in die Finger bekommt und bisher erhielt ich nie einen Gegenbeweis. Oder ich übersah das Offensichtliche, was mir sehr wahrscheinlich erscheint.
Ich war dumm und bin es noch, ich suchte und suchte, fand und fand, und übersah und übersah. Wenn Dummheit schmerzen würde, ich hätte seit dem Tag meiner Geburt nicht mit Schreien aufgehört.
Im Nachhinein erkenne ich all die Wunder, denen ich begegnete und sie wirken mir so fern, als sei ich nie da gewesen. Ich war nicht würdig.
Wenn ich irgendetwas wusste, dann, dass ich nichts wusste.
Ich wandelte wie ein Blinder durch die atemberaubendste Schönheit, wie sie nur die Natur hervorbringen konnte, sah sie, nahm sie wahr, doch wollte ich sie nicht wahr haben, ich ignorierte sie, was mich schuldig machte, anders wie ein Blinder, der nichts dafür kann.
Ich kam an.
Nicht dort, wo ich glaubte, ankommen zu müssen, nicht an mein unklares Ziel, nicht an irgendein Ziel.
Es war ein Wendepunkt.
Ich saß in meinem braunen Ledersessel vor dem Fenster, dass sich halbkreisförmig um mich wand und die Sicht vom Boden bis zur drei Meter hohen Decke freigab, mir die Stadt zeigte, die sich mir dar bot, wie eine drogenverseuchte und geschlechtskranke Dirne, sich glitzernd versuchend hübsch zu machen. Ich saß genau im Mittelpunkt des Kreisradius', tief im Sessel versunken, gelegentlich ein goldbraunes Glas Whiskey anhebend mit einer Kippe im Mundwinkel, die ebenso sporadisch Asche auf mein Hemd rieseln ließ. Ich merkte immer wieder viel zu spät, dass ich blinzeln musste, sodass meine Augen brannten, mich noch müder fühlen lassend, als ich es ohnehin war. Warum ich an die Bilder denken musste, die ich einst versuchte zu ignorieren, das saftige Grün, das meine Seele unbewusst nährte, der kühle, nasse Wind, der mir den salzigen Geruch der See in die Nase brannte, das Kreischen der Möwen, die um Beute stritten, all das stimmte mich nun auf eine seltsame Weise traurig.
Waren das Teile meines Zieles? Musste ich dorthin zurück kehren und verbleiben? War dort die Einsamkeit erträglich oder war es vielleicht sogar möglich, dass ich dort mit meines Gleichen zurecht kommen würde? Fand ich dort meinen Frieden?
Frieden sicher, doch der Einsamkeit, so sehr wie ich sie verehrte, und so sehr, wie sie mich zerstörte, nein, ihr entkam ich dort ganz sicher nicht. Und doch zog es mich dort hin und die fernen, schlecht verstandenen Eindrücke lehrten mich noch im Nachhinein, das ich auf dem falschen Weg wanderte. Mir war nie so bewusst gewesen, was für ein riesiger Dummkopf ich doch die gesamte Zeit über gewesen war. Man kommt dumm auf die Welt und ich blieb es bis jetzt, gut möglich auch für alle Tage.
Dumm war gar kein Ausdruck, das Fußvolk meines Konzerns, meine Angestellten, sie gehorchten mir zwar, aber es gab eine Hand voll Ausnahmen, eine kleine Gruppe, die länger im Unternehmen angesiedelt waren als ich selbst, was an sich keine so große Kunst war. Diese kleine Gruppe ließ alle einschließlich mich in den Glauben, ich sei der wahre Drahtzieher. In Wahrheit kontrollierten sie das, was ich glaubte zu steuern. Sie hatten einen ganzen Geschäftszweig vor mir verborgen und vor den meisten Anderen. Es gab eine Vielzahl Räumlichkeiten, von deren Existenz ich nicht mal zu träumen wagte. Was ich dort zu sehen bekam, erschütterte mich bis ins Mark, diese Bilder waren denk ich diejenigen, die die Kraft besaßen, mich wach zu rütteln. Mir wird noch immer jedes einzige Mal übel, wenn ich mich an diesen Moment zurück erinnere, als ich staunend die Flure entlang schlich und das erste Zimmer betrat, das nichts Anderes sein konnte als der neunte Kreis der Hölle. Die Erkenntnis, dass ich all das zu verantworten hatte, schnürte mir die Kehle zu. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht und ich weiß, dass ich eines Tages dafür büßen musste. Und wenn ich ehrlich bin, dann sehne ich mich nach diesen Tag, der mir eine Erlösung sein wird. Beim Verlassen der Räumlichkeiten tat ich mir schwer, mich nicht erwischen zu lassen, da mir schwindelig war und die Übelkeit mir die Sinne raubte.
Ich musste etwas ändern, verdammt war ich und ich wollte es nicht bleiben, vor allem nicht so zu Grunde gehen. Ich tröstete mich damit, dass ich Vielen einen guten Schritt voraus war, immerhin erkannte ich, dass ich falsch lag. Und das auch noch meilenweit. Ein letztes Mal zog ich an der Zigarette und ließ den Stumpen achtlos auf den Boden fallen. Dann trank ich beim Aufstehen das Glas leer, feuerte es in eine beliebige Ecke und schlenderte wankend gen Schreibtisch, der sich hinter ein gigantisches Aquarium verbarg, wieder ein Ausschnitt der Stadt im Rücken. Dort setzte ich mich und begann die nächste Nacht vor dem PC zu verbringen. Nur dieses Mal nicht zu Gunsten des Konzerns. Ich unterschlug alles, was mir nur unter den Nagel kam, schob so viel vom Kapital, das im Grunde mir gehörte und doch irgendwie nicht, auf versteckte Konten, verschacherte Aktien an so viele Unternehmen, wie es mir nur möglich war, schickte mir selbst Waren an verschiedenste Adressen, lagerte diese Waren mittels unbeteiligter Unabhängige um, ich tat alles, um den Konzern zu schaden und mir selbst einen guten Neuanfang zu verschaffen, und alles, um die Spuren zu verwischen.


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